Kommission „Artenliste der Vögel Deutschlands“ der DO-G

Bedeutung

Offizielle nationale Artenlisten sind durch Entwicklungen in Systematik und Taxonomie, Anpassungen von Namen, Neunachweise und Statusänderungen ständig im Fluss. Sie sind nicht nur als aktuelle Übersichten und Referenzgrundlage für andere ornithologische und avifaunistische Arbeiten wichtig, sondern besitzen auch juristische Implikationen im Artenschutz. Daher unterhalten große nationale wissenschaftliche Ornithologenvereinigungen (wie in Amerika die AOU, in Großbritannien die BOU und in Schweden die SOF) eigene Kommissionen, die über die Seriosität solcher Listen wachen.

Hintergrund

Die erste offizielle Artenliste der Vögel Deutschlands wurde 1964 unter Federführung des damaligen Herausgebers des Journals für Ornithologie und Vizepräsidenten der DO-G herausgegeben (Niethammer et al. 1964) und lieferte innerhalb Deutschlands für lange Zeit die Grundlage für Systematik, Taxonomie und Statuseinschätzungen.
Nachdem die DO-G das Thema über längere Zeit nicht bearbeitet hatte, wurde 1991 die DO-G-Projektgruppe „Artenliste der Vögel Deutschlands“ geschaffen, die 1993 im Journal für Ornithologie eine neue Version publizierte, die der damals in Europa überwiegend benutzten Systematik von Voous folgte (Barthel 1993). Die Gruppe führte ihre Tätigkeit als Kommission der DO-G fort und veröffentlichte im Jahr 2005 eine aktuelle Fassung, in der abweichend von anderen zeitgleich in Europa üblichen Listen Systematik und Taxonomie konsequent an neue phylogenetische Erkenntnisse angepasst und erstmals verfeinerte Statusangaben geiefert wurden. Eine englische Version dieser letzten Checklist bekamen 2006 die Teilnehmer des International Ornithological Congress in Hamburg (Barthel & Helbig 2005, 2006). Andere Länder näherten sich den dort gesetzten, zu einem großen Teil in Deutschland entwickelten Maßstäben inzwischen an.

Aufgaben der Kommission

Die Kommission „Artenliste der Vögel Deutschlands“
•    hält Systematik und Taxonomie der Artenliste auf aktuellem Stand,
•    passt die Nomenklatur der wissenschaftlichen und gegebenenfalls deutschen Namen entsprechend an,
•    bemüht sich darum, deutsche Vorstellungen auch in entsprechende internationale Gremien einzubringen und wenn möglich Konsens zu erreichen,
•    überprüft die ersten fünf deutschen Nachweise von Vogelarten (nach deren Anerkennung durch die zuständige Seltenheitenkommission) auf ihre Validität und weist ihnen einen Status innerhalb der Kategorien A-E zu,
•    verfährt ebenso mit möglichen ersten Brutnachweisen,
•    kontrolliert, ob Neozoen die Bedingungen für etablierte Vorkommen erfüllen und berücksichtigt dabei die Empfehlungen der Arbeitsgruppe Neozoen der DO-G,
•    veröffentlicht relevante aktuelle Veränderungen gegebenenfalls in einer offiziellen Verlautbarung in der Zeitschrift „Die Vogelwarte“,
•    bereitet in regelmäßigen Abständen eine aktualisierte Fassung der deutschen Artenliste vor,
•    erarbeitet mittelfristig eine auch Subspezies enthaltende ausführlich kommentierte Version der deutschen Artenliste,
•    tritt mindestens einmal jährlich zusammen, bevorzugt anlässlich einer DO-G-Tagung,
•    berichtet dem Vorstand der DO-G jährlich bis spätestens 4 Wochen vor der Jahresversammlung über den Arbeitsstand.

Zusammensetzung

Die Kommission „Artenliste der Vögel Deutschlands“ besteht aus mindestens fünf und höchstens zehn Mitgliedern. Diese müssen Mitglieder der DO-G sein und über der Aufgabenstellung entsprechende Expertisen verfügen. Der Koordinator und auf Vorschlag des Koordinators die Mitglieder der Kommission werden vom Vorstand der DO-G für fünf Jahre bestellt. Wiederbestellung, auch wiederholt, ist möglich.
In der Kommission soll ein Mitglied der DO-G-Arbeitsgruppe „Neozoen“, der gemeinsamen Kommission von DO-G und IOC „Standing Committee on German Names for the Birds of the World“ und der nationalen Seltenheitenkommission (alt DSK/neu DAK) vertreten sein. Daneben sollen einzelne Mitglieder besondere Erfahrungen in Molekulargenetik, Museumsornithologie, Ornithologiegeschichte, Avifaunistik, Vogelhaltung und Bestimmungstechnik besitzen. Die Kommission kann bei bestimmten Fragestellungen externe nationale und internationale Experten hinzuziehen.
Die Kommission setzt sich aktuell zusammen aus Peter H. Barthel (Koordinator), Hans-Günther Bauer, Einhard Bezzel, Thorsten Krüger, Martin Päckert und Frank Steinheimer.

Arbeitsstand Dezember 2016

Eine offizielle Artenliste besitzt u.a. hinsichtlich Systematik, Nomenklatur und Statuseinstufungen Auswirkungen auf zahlreiche andere Arbeiten und Projekte wie z. B. avifaunistische Gebietsmonografien, kommende Auflagen von Bestimmungsbüchern, viele andere Listen usw. Hier wird allerdings von den meisten Benutzern durchaus eine gewisse Konstanz erwartet und keineswegs der inzwischen teilweise Moden oder gar Ideologien unterliegende und oft bald widerrufene „letzte Schrei“. Eine vor drei Jahren publizierte Artenliste wäre inzwischen überwiegend veraltet, aber auch eine 2017 erscheinende wird trotz inzwischen höherer Stabilität nur eine überschaubare Halbwertszeit besitzen (und nicht mehr wie früher eine Generationslänge, also ca. 30 Jahre).
Eine Neufassung der „Artenliste der Vögel Deutschlands“ wird voraussichtlich im Jahr 2017 erscheinen. Ein früherer Termin war aus verschiedenen Gründen nicht sinnvoll:
– Für die Einstufung von Arten in Kategorie C benötigte die Kommission die Einschätzungen der DO-G-Arbeitsgruppe Neozoen. Diese wurde Ende 2016 in der „Vogelwarte“ gedruckt.
– Die Weltnamenslisten-Kommission der DO-G hat einige Änderungen deutscher Vogelnamen beschlossen, die in Einzelfällen auch die deutsche Artenliste betreffen. Nach dem Winter 2016/2017 sollten alle Namen vorliegen (einschließlich der teilweise veränderten Bezeichnungen für einige in Deutschland entflogene exotische Arten).
– In Systematik und Taxonomie hat es in den letzten Jahren große Umbrüche gegeben, die gleichwohl in weiten Teilen in der Version von 2005 bereits vorweggenommen worden sind. Ob die neue deutsche Artenliste künftig an eine der Weltlisten angepasst wird (z. B. des „Handbook of the Birds of the World“ bzw. von BirdLife International, deren zweiter Teil Anfang 2017 erscheint), oder ob erneut von bestehenden Listen abweichende aktuelle wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse eingearbeitet werden, ist vorerst nicht entschieden.

Kontakt: Peter H. Barthel, E-Mail