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DOG im Gespräch
Fünf Fragen an den Historiker Swen Steinberg


Der Historiker Dr. Swen Steinberg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Unternehmerfamilie Niethammer und deren 1856 gegründetem Papierunternehmen. Über das erhalten gebliebene Firmen- und Familienarchiv stieß er auf Günther Niethammer und dessen Tätigkeit als SS-Wachmann im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Seine Forschungen und Publikationen zählen zu den wichtigsten neueren Arbeiten zu diesem Kapitel der Geschichte der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft (Steinberg 2018). DOG-Präsidentin Dorit Visbeck-Liebers traf Swen Steinberg am 26. Juli 2026 in Kingston (Kanada) und bat ihn um ein Interview.

Interview 

16. August 2026
Dorit Visbeck-Liebers für die Deutsche Ornithologische Gesellschaft (DOG)

 

Lieber Swen, du bist Historiker und lehrst heute in Kanada. Wie bist du überhaupt auf die Geschichte der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft und auf Günther Niethammer aufmerksam geworden?

Im Rahmen meiner 2013 an der TU Dresden abgeschlossenen und 2015 publizierten Dissertation habe ich mich schwerpunktmäßig mit den Papierfabriken Kübler & Niethammer in Sachsen befasst, die bis 1945 das größte in Familienbesitz befindliche deutsche Unternehmen der Branche waren. Ausgangspunkt war vor allem der Zusammenhang von Religion und Wirtschaftshandeln, der sich hier über drei Unternehmergenerationen untersuchen ließ. Es wurde im Ergebnis aber auch eine Detailstudie über die Industrialisierung einer ländlichen Region zwischen 1856 und 1956, mit all ihren wirtschaftlichen, politischen und sozialen Brüchen und Kontinuitäten.

Der 1908 geborene Günther Niethammer war der jüngste Sohn der dritten Unternehmergeneration. Anders als seine vier älteren Brüder stieg er 1931 nicht in die Leitung des Unternehmens ein. Mich interessierte zunächst lediglich, wie er und seine Schwestern finanziell am Unternehmen bzw. an den mit dem Unternehmen verbundenen Entscheidungen beteiligt waren.

 

Der Ausgangspunkt deiner Forschung war also eigentlich gar nicht Günther Niethammer, sondern die Papierfabriken Kübler & Niethammer in Kriebstein an der Zschopau in Sachsen. Wann wurde dir klar, dass sich dahinter noch eine ganz andere Geschichte verbarg?

Genau, auf Günther Niethammers Biografie jenseits des Unternehmens bin ich nur durch Zufall gestoßen. Und ich hätte sie vermutlich nicht weiter verfolgt, hätte ich nicht – ich meine, es war 2007 – im umfassend erhalten gebliebenen Bestand Kübler & Niethammer im Sächsischen Wirtschaftsarchiv in Leipzig Briefe gefunden, die er 1940 als SS-Wachmann aus Auschwitz an Mitglieder der Familie schickte.

Dies weckte natürlich mein Interesse, dem über viele Jahre zahlreiche Recherchen folgten. Inspiriert wurden sie auch durch die damals bereits in der DOG geführten Debatten um die Rolle Niethammers. Ornithologen wie Eugeniusz Nowak hatten schon vor mir angefangen, über ihn zu forschen und zu publizieren. Mit Niethammer war folglich auch eine ganz aktuelle erinnerungskulturelle Debatte in einer führenden deutschen Fachgesellschaft verbunden, die mich sehr interessierte und die bis in die Gegenwart andauert.

 

Was hat dich an Günther Niethammer als historische Persönlichkeit besonders beschäftigt? Hat sich dein Blick auf ihn im Laufe deiner Recherchen verändert?

Ich kannte Günther Niethammer zunächst nur aus dem Unternehmenskontext und als Sohn einer Unternehmerfamilie. Seine Biografie als Wissenschaftler vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus und danach verband sich aber mit Fragen nach individuellen Handlungsspielräumen und Formen der Selbstmobilisierung. Mein Blick richtete sich zunehmend auch auf die Zeit nach 1945, auf Niethammers wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Netzwerke sowie auf den Umgang mit ihm innerhalb seiner Familie.

Kurzum: Günther Niethammer wandelte sich für mich von einem Sohn der dritten Unternehmergeneration zu einer Person, die in der deutschen Wissenschaftsgeschichte ebenso wie in der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust sowie des späteren Umgangs mit dieser Vergangenheit zu verorten war. In meinem 2018 publizierten Aufsatz “Birding im KZ” habe ich versucht, diese Komplexität darzustellen. Dabei bin ich vor allem der Frage nachgegangen, welche Motive und Handlungsspielräume einen Ornithologen wie Niethammer als SS-Wachmann nach Auschwitz brachten, später aber ebenso in das Ahnenerbe der SS und das Hygieneinstitut der Waffen-SS.

 

Für deine Recherchen konntest du außergewöhnlich viele Quellen auswerten. Welche Archive und Dokumente standen dir zur Verfügung, und welche Erkenntnisse waren für dich dabei besonders überraschend oder aufschlussreich?

Ausgangspunkt war die bereits erwähnte umfangreiche Überlieferung im Sächsischen Wirtschaftsarchiv, die nicht lediglich ein Unternehmensbestand ist, sondern auch das Archiv der Unternehmerfamilie. Ausgehend von diesen Recherchen konnte ich Unterlagen in Berlin, Bonn, Dresden, Wien und Warschau einsehen, ich war auch im Archiv in Auschwitz-Birkenau.

Mir stand also eine Vielzahl von Dokumenten zur Verfügung: von privaten Korrespondenzen, Schriftwechseln mit Fachkollegen und staatlicher Überlieferung nationalsozialistischer Organisationen bis hin zu den Gerichtsakten des Prozesses gegen Niethammer in Polen sowie Unterlagen aus der Zeit nach 1949.

Für sich genommen war der Fall Niethammer dabei wenig ungewöhnlich: Jenseits seiner Selbstmobilisierung im Rahmen des nationalsozialistischen Staates zeigte sich bei ihm und innerhalb seines wissenschaftlichen Netzwerks ein Prozess des Verschweigens und Vergessens nach 1945, wie er auch bei anderen Wissenschaftlern und in anderen Disziplinen zu finden ist. Ungewöhnlich waren aber seine Profession als Vogelkundler und seine Tätigkeit vor allem in Auschwitz, wo er im Angesicht des beginnenden Holocaust weiterhin wissenschaftlich arbeitete und seine „Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz“ 1941/42 auch publizierte.

Überraschend waren fraglos die wenigen eigenen Reflexionen Niethammers aus der Zeit nach 1945, die ich finden konnte; ebenso aber auch die in seinem Nachlass in Bonn erhalten gebliebenen persönlichen Unterlagen – etwa sein „Schussbuch“ aus Auschwitz, das seine Jagdgänge unter anderem mit dem Kommandanten Rudolf Höß und dessen Sohn dokumentierte. Ich hatte also immer wieder eine erkennbare Distanz bzw. ein regelrechtes Schweigen in den Unterlagen vor mir – und eine bisweilen bizarre Nähe zum nationalsozialistischen Regime und zum Holocaust.

 

Die DOG hat begonnen, sich kritisch mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Warum ist eine solche historische Aufarbeitung für wissenschaftliche Fachgesellschaften wichtig – und was würdest du der DOG auf diesem Weg mitgeben?

Wichtig scheint mir diese Auseinandersetzung vor allem aus zwei Gründen: zum einen nach innen und für die DOG mit ihren Mitgliedern. Denn das Beispiel Niethammer sagt viel über das Vergessen und Verschweigen aus, das schon von nachfolgenden Generationen hinterfragt, aber nie wirklich aufgearbeitet wurde. Was blieb, war ein diffuses Bild von der Rolle einzelner Wissenschaftler und der Gesellschaft als Ganzes. Lange bestand wohl eines der zentralen Missverständnisse darin, es würde dabei allein um Schuldzuweisungen gehen. Vielmehr geht es aber um die Ehrlichkeit, die ganze Geschichte zu erzählen – mit all ihren Friktionen, Widersprüchen und sicherlich auch unangenehmen Wahrheiten. Die jetzt begonnene Initiative, die Geschichte der DOG kritisch aufzuarbeiten, ist deswegen mehr als begrüßenswert und wird helfen, viele offene Fragen zu beantworten.

Auch andere Fachgesellschaften haben schon vor Längerem mit dieser Auseinandersetzung begonnen oder stecken mitten in diesem Prozess. Hier kann zum zweiten die Geschichte der DOG im Nationalsozialismus – aber auch darüber hinaus, vor allem im Kontext der kolonialen Vergangenheit und hinsichtlich der Kontinuität wissenschaftlicher Netzwerke nach 1945 in beiden deutschen Staaten – einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte leisten und deutlich machen, dass Wissenschaft immer in sozioökonomischen und politischen Kontexten stattfindet.

Insofern ist diese Auseinandersetzung mit der Geschichte keine „Pflichtaufgabe“ noch ist es ein Selbstzweck oder bloße „Traditionspflege“. Sie ist vielmehr immer auch ein Blick in einen Spiegel – und verbunden mit Fragen wie Toleranz, Solidarität, Demokratie oder Offenheit. Im Falle Günther Niethammers zeigt sich die andere Seite derselben Medaille: wenn es um Anpassung oder gar Überzeugung geht und man als Wissenschaftler in einem verbrecherischen politischen System Teil desselben und damit selbst zum Täter wird. Ich wünsche der DOG deswegen, dass sie geeignete Formate findet, dies offen zu diskutieren und darzustellen.

 

Zur Person
Swen Steinberg forscht und lehrt am Department of History und an der School of Religion der Queen’s University in Kingston, Ontario, und ist Affiliated Researcher am Deutschen Historischen Institut Washington. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Migrations-, Wissens- und Wissenschaftsgeschichte. Seit 2024 ist er zudem am Forschungsprojekt zur Geschichte der Technischen Hochschule Dresden im Nationalsozialismus beteiligt und beschäftigt sich dort insbesondere mit der Forsthochschule Tharandt und den Forstwissenschaften.

Historiker Portrait
Swen Steinberg Historiker
Mail Icon Swen.Steinberg@queensu.ca Globus Icon Zur Website Schwerpunkte

Migrations-, Wissens- und Wissenschaftsgeschichte

Historiker
Forscht und lehrt am Department of History und an der School of Religion der Queen’s University in Kingston, Ontario, und ist Affiliated Researcher am Deutschen Historischen Institut Washington.

 

 

Publikationen

Birding im KZ

Swen Steinberg: „Birding im KZ.“ Biografie, Netzwerke und Deutungen des Ornithologen und SS-Obersturmführers Günther Niethammer. In: Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse, hrsg. von Michael Wildt und Jan Erik Schulte (Göttingen: Vandenhoeck, 2018), 215-252

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  1. Steinberg - Birding im KZ

Unternehmenskultur im Industriedorf

Swen Steinberg: Unternehmenskultur im Industriedorf. Die Papierfabriken Kübler & Niethammer in Sachsen, 1856-1956 (Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2015), 

Online 

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