DOG-Mitglied mit Weitblick:
Fritz Hertel und die Danger Islands
Anlass für das Gespräch war die Eröffnung der Fotoausstellung „Danger Islands“ der National Geographic Explorerin Esther Horvath am 31. Mai 2026 im Rahmen des Umweltfotofestivals »horizonte zingst«. Die Ausstellung ist bis November 2026 vor dem Informationszentrum Sundische Wiese im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft zu sehen. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion mit allen Teilnehmenden der Expedition sprach DOG-Präsidentin Dorit Visbeck-Liebers mit Fritz Hertel über die Entstehung des Schutzgebietes, die Bedeutung der Region für Seevögel und die Herausforderungen des Naturschutzes in der Antarktis.
Interview
1. Juni 2026
Dorit Visbeck-Liebers für die Deutsche Ornithologische Gesellschaft (DOG)
Fritz, wie bist Du auf die Danger Islands aufmerksam geworden – und wann entstand die Idee, Dich für ihren Schutz einzusetzen?
Die Idee mit dem Schutzgebiet in der Antarktis schwelte bei mir schon lange. Immerhin haben sich die Antarktis-Vertragsstaaten schon sehr früh, vor fast 30 Jahren, zum Aufbau eines repräsentativen Netzwerks an Schutzgebieten verpflichtet und Deutschland hatte sich daran noch nie beteiligt. Um das zu ändern, rief ich vor etwa 10 Jahren ein Projekt zur Identifizierung geeigneter Schutzgebietskandidaten ins Leben. Zusammen mit Osama Mustafa und seinem Geografenteam vom dem Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaforschung (ThINK) erstellten wir nach langer Recherche schließlich eine Liste geeigneter Kandidaten, auf dem die Danger Islands wegen ihrer herausragenden ökologischen Bedeutung ganz oben standen. Danach folgte eine mühsamer Ausweisungsprozess, der noch einmal mehrere Jahre Zeit gekostet hat bis es dann 2024 schließlich soweit war.
Was macht die Danger Islands aus Sicht der Vogelwelt so besonders, und welche Arten standen bei den Schutzbemühungen besonders im Fokus?
Das Besondere an dem mit knapp 5 Quadratkilometern relativ kleinen Inselarchipel ist zum einen die vergleichsweise hohe Biodiversität. Dort brüten mindestens 10 verschiedene Vogelarten, was für antarktische Verhältnisse ganz stattlich ist. Zum anderen ist dort die größte bekannte lokale Population des Adéliepinguins zu finden, eine Pinguinart, die nahezu ausschließlich in der Antarktis vorkommt und im Bereich der Antarktischen Halbinsel wegen des Klimawandels vielerorts auf dem Rückzug ist. Umso erstaunlicher ist es, dass unsere aktuelle Zählung eine Populationsgröße von etwa 850.000 Brutpaaren für alle Danger Island Kolonien ergab! Warum wir gerade dort so viele Adélies finden, ist noch ein Rätsel.
Welche Rolle spielen die umgebenden Meeresgebiete für das Schutzgebiet – und inwieweit sind sie in die Schutzmaßnahmen einbezogen?
Wir versuchen gerade mit Hilfe von Satelliten-Trackern die Hauptnahrungsgebiete der Pinguine zu identifizieren mit dem Ziel, das Schutzgebiet bei der ersten Revision des Managementplans um eine entsprechende marine Komponente zu erweitern. Das würde den Schutz der Pinguine erheblich erweitern, denn dort wäre dann auch die Krillfischerei verboten. Bis dahin ist es aber noch ein langer und steiniger Weg, denn aktuell ist die Datenlage noch zu dünn und die Zustimmung der Fischereikommission zu bekommen wird nicht leicht werden.
Deutschland trägt für dieses Gebiet eine besondere Verantwortung. Welche Aufgaben und Herausforderungen siehst Du in den kommenden Jahren?
Deutschland hat die Verpflichtung zum Management dieses Schutzgebietes, was die regelmäßige Überarbeitung des Managementplans einschließt. Wir beabsichtigen, alle zwei Jahre das Gebiet zu besuchen und die riesigen Vogelkolonien mit Hilfe von Langstreckendrohnen zu kartieren. Ziel dabei ist es, mit der Zeit Trends ableiten und somit den Zustand der lokalen Population einschätzen zu können. Dabei sollen uns auch fest installierte Kameras helfen, die phänologische Daten aufzeichnen und Hinweise zum Bruterfolg liefern. Zu den Danger Islands zu gelangen, ist wegen des großen Aufwandes auch kein Kinderspiel. Bei unserer ersten Expedition hatten wir das Glück, dass Boris Herrmann und sein Team uns mit ihrem Forschungssegelschiff Malizia Explorer sicher in die Antarktis und wieder zurück nach Feuerland gebracht haben. Das war ein abenteuerlicher Trip und eine außerordentliche Erfahrung! Die größte Herausforderung aber ist – wenig verwunderlich – das Geld, denn bislang ist noch keine valide mittel- oder langfristige Finanzierung für diese echte Daueraufgabe in Sicht.
Wenn Du einen Wunsch für die Zukunft der Antarktis und ihrer Vogelwelt frei hättest – was müsste aus Deiner Sicht als Nächstes geschehen?
Da muss ich nicht lange überlegen: Die Krillfischerei in der Antarktis muss ein Ende haben! Sie entzieht jährlich tausenden von Seevögeln die Nahrungsgrundlage. Zudem sollten alle bislang identifizierten antarktischen Important Bird Areas (IBA) umgehend als Schutzgebiete ausgewiesen werden und der Kaiserpinguin sollte endlich den Sonderstatus als besonders geschützte Art (nach Annex II des Umweltschutzprotokolls zum Antarktisvertrag) erhalten. Sorry, das waren jetzt gleich drei Wünsche. 😉
Zur Person
Fritz Hertel arbeitet als Ökologe am Umweltbundesamt in Dessau und beschäftigt sich seit 2002 mit der Antarktis und ihrer Vogelwelt. Er gehörte zu den Initiatoren der Bemühungen um den Schutz der Danger Islands vor der Antarktischen Halbinsel und engagiert sich seit vielen Jahren für den Erhalt dieses einzigartigen Lebensraums.