Preisträgerin 2026
Professor Dr. Sandra Bouwhuis
Laudatio
Als Anerkennung für ihre wegweisenden Langzeitstudien an der Flusssee-schwalbe (Sterna hirundo). Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht die seit Jahrzehnten untersuchte Brutkolonie am Banter See in Wilhelmshaven – eine Modellpopulation, deren außergewöhnlich umfassende individuelle Lebensgeschichten einzigartige Einblicke in die Ökologie und Evolution langlebiger Vögel ermöglichen. Mit der Auszeichnung würdigt die DOG zugleich ihr großes Engagement für die Vermittlung von Wissenschaft, die Förderung junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie den Naturschutz.
Verleihung des Hans-Löhrl-Preises 2026 an Prof. Dr. Sandra Bouwhuis (Mitte) durch die DOG-Präsidentin Dr. Dorit Visbeck-Liebers (rechts) und Dr. Karl Schulze-Hagen Laudator und Ehrenmitglied der DOG (links).
Nach ihrem Studium an den Universitäten Amsterdam und Groningen und postdoktoralen Forschungsarbeiten an den Universitäten Sheffield und Oxford übernahm Sandra Bouwhuis 2013 am Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven das Projekt „Life-history evolution in Common Terns“. Heute ist sie wissenschaftliche Direktorin des Instituts.
Die besondere Stärke ihrer Forschung liegt in der Verbindung einer außergewöhnlichen Langzeitstudie mit modernen Methoden und aktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen. Da die Individuen der Kolonie am Banter See über 30 Jahren bekannt sind und ihre Lebensgeschichten detailliert verfolgt werden, ist ein einzigartiger Datensatz entstanden, der Untersuchungen über Generationen hinweg ermöglicht.
Das Forschungsspektrum von Sandra Bouwhuis und ihrem Team reicht von Genetik, Epigenetik und dem Zusammenspiel von Umwelt und individueller Entwicklung über Sozialverhalten, Seneszenz und Lebensdauer bis hin zu den Auswirkungen von Schwermetallen, Plastikmüll und aviärer Influenza. Weitere Arbeiten beschäftigen sich mit der individuellen Variabilität von Zugwegen und Überwinterungsgebieten. Zunehmend stehen dabei auch die Folgen des Klimawandels und anderer Veränderungen der marinen Umwelt im Mittelpunkt. Mehr als 80 wissenschaftliche Publikationen zu diesen und verwandten Themen dokumentieren die große internationale Bedeutung ihrer Forschung.
Ein besonderes Anliegen ist Sandra Bouwhuis darüber hinaus die Erforschung und der Schutz der hochbedrohten Lachseeschwalbe.
Die Jury würdigt mit dem Hans-Löhrl-Preis nicht nur die wissenschaftliche Leistung von Sandra Bouwhuis, sondern auch ihre Fähigkeit, langfristige ornithologische Forschung mit den drängenden ökologischen Fragen unserer Zeit zu verbinden und zugleich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für diese Forschung zu begeistern.
Eine besondere Verbindung zum Namensgeber des Preises liegt dabei in der Langfristigkeit ihres wissenschaftlichen Ansatzes: Der Vergleich der frühen Langzeitstudien Hans Löhrls vor rund 70 Jahren mit den heutigen Arbeiten von Sandra Bouwhuis macht auf eindrucksvolle Weise sichtbar, wie sich Fragestellungen, Methoden und Möglichkeiten der Ornithologie weiterentwickelt haben – und wie wertvoll die langfristige Beobachtung von Vogelpopulationen bis heute geblieben ist.
Die DOG gratuliert Frau Professor Dr. Sandra Bouwhuis sehr herzlich und wünscht ihr weiterhin viel Erfolg, Freude und Erfüllung in ihrer wissenschaftlichen Arbeit und für ihre persönliche Zukunft.
Mainz, den 17. September 2026
Verliehen von der
Deutschen Ornithologischen Gesellschaft e.V.
auf der 159. Jahresversammlung
Dr. Dorit Visbeck-Liebers
Präsidentin
Dr. Karl Schulze-Hagen
Sprecher der Jury
Der Hans-Löhrl-Preis der DOG, gestiftet von der Familie Dietmar Löhrl, dient der Erinnerung an Hans Löhrl (1911–2001), Leiter der Vogelwarte Radolfzell des Max-Planck-Institutes für Verhaltensphysiologie in der Zeit 1962 bis 1976, und seine wegweisende Arbeit in der ornithologischen Ethologie und Ökologie sowie im Naturschutz.